Auf der Flucht

Die Nase im Wind renne ich. Die Sinne sind angespannt, hellwach. Lege ich die müden Muskeln im nassen Moos nieder, bleibt die innere Bereitschaft zu überleben, bereit.

Sinnlos mich zu verteidigen. Es sind zu viele und der Kreis ist zu eng. Wo kann ich durchbrechen und in die Freiheit laufen. Wann hört dieses verfolgt werden endlich auf. Gibt es irgendwo Ruhe? Einen Ort an dem ich sicher bin? Kann ich das zarte Grün der frischen Blätter äsen ohne die Ohren hellwach und gespitzt zu lassen?

Wo ist mein Rudel? Wo ist der sonnenwarme Platz um mich zu putzen und Atem zu holen.

Da ein Geräusch. Ich werfe die Hufe in die Luft und renne. Mein Instinkt führt mich. Breche durch dichtes Gebüsch, kniehohe Dornen, vorbei an Wildschweinfährten. Der Eichelhäher schreit. Er warnt mich. Die Fährte links verlassen und in die offene Wiese. Hinter mir ein Hecheln. Mit letzten Reserven renne ich über das offene Land auf den Waldrand zu. Beim Bach, hinter dem Buchhain bleibe ich stehen. 

Lausche. Es ist still. Kaum wage ich mich zu bewegen. Bleibe wie angewurzelt stehen. Stille. Mein Brustkorb kann mein schnell schlagendes Herz kaum halten. Da, ein Eichhörnchen. Es turnt den Baum herunter auf der Suche nach Nahrung, nickt mir kurz zu und verschwindet auf der nächsten Fichte. Die Sonne steht hoch, es ist Mittagzeit. Das Murmeln des Bachs dringt langsam in mein Nachsinnen. Ich bin so müde. Meine Beine knicken fort und dann schlafe ich ein.

Wasser umplätschert meine Füsse. Etwas in mir wird wach. Bewegungslos versuche ich zu hören. Meine Sinne sind wie eingeschlafen. Nichts berührt mich mehr. Etwas in mir ist zur Ruhe gekommen. Ein Vogel setzt sich auf mich um sich zu putzen. Es stört mich nicht. Die kleine Krallen senden winzige Vibrationen in mein versteinertes Ich. So liege ich da. Im Winter mit Schnee bedeckt reise ich schlafend durch die Jahreszeiten. Es wird Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Nichts rührt oder berührt mich mehr. Ich schlafe den Schlaf des Vergessens. Manchmal scheint es mir als würde ich träumen. Dann öffne ich die Augen, die es nicht mehr gibt und schaue hinein in das Innere der Welt.  Es ist still. Ich schlafe. In jedem Jahreskreislauf tue ich einen Atemzug. Es dauert um mein Gedächnis mit dem Atem der Welt zu verbinden. Und in dieser zeitlosen Zeit verankert sich die Erinnerung mit den Flechten, die sich langsam und zärtlich auf mir ausbreiten.

Als die Bewegung in mir so still geworden ist, dass ich das Herz der Erde höre beginnt der neue Zyklus. Es ist Zeit zu wandern und ich strecke mein Fühlen in die Welt hinein. Sende eine Ruf aus und warte.

Es dauert einige Jahre bis sich eine warme Hand nach mir ausstreckt, mich aufnimmt und vorsichtig betrachtet. Ein Atem und zwei Augen nehmen mich wahr. Dann werde ich in einem Rucksack verstaut und die Reise beginnt von neuem.